Grafenort (Gorzanów) – von Arne Franke und Katrin Schulze, „Schlösser und Herrenhäuser in der Grafschaft Glatz. Ein Architektur- und Reiseführer”, Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn, Würzburg 2009 (www.bergstadtverlag.de)

 

Schloss („Schlosshof”)

Grafenort, dessen Name auf die Umbenennung der mittelalterlichen Gründung Arn(old)sdorf im Jahr 1670 zurückgeht, besitzt eine kunstgeschichtlich bedeutende, weit über Grenzen Schlesiens hinaus bekannt gewordene Schlossanlage.

Schon im 13. Jahrhundert entstand auf dem bei der Pfarrkirche gelegenen Keilberg eine in den 1460er-Jahren zerstörte Burg, deren Reste bis 1804 abgebrochen wurden. Anstelle des Schlosses befand sich – möglicherweise als Wirtschaftshof der Burg – um 1350 ein Gutshof, der zunächst in den Händen der Familien von Mülstein und Knoblauchsdorf war und vor 1540 in der Besitz der Familie von Ratschin gelangte. Heinrich von Ratschin liess nach 1559 ein befestigtes Haus der Renaissance mit einem an der Westseite vorgelagerten Treppenturm errichtet. Dessen reiche Sgraffitodekorationen sind zum Teil im Inneren des heute verwüsteten Schlosses erhalten, wo sie unter späteren, inzwischen abblätternden Putzschichten zum Vorschein kommen.

1624 erwarb der spätere Landeshauptmann der Grafschaft, Freiherr Johann Arbogast von Annenberg den sogenannten „Schlosshof“ der nach dem Böhmischen Aufstand 1623 enteigneten protestantischen Familie, ebenso die nahe gelegenen Güter Moschenhof (Muszyn) und Ratschenhof (Raczyn). Der 1623 in den Grafenstand erhobene Annenberg liess bald nach dem Erwerb das Wohngebäude vergrößern, darin 1631 eine St. Georgs Kapelle einrichten und mit drei weiteren Flügelgebäuden einen Innenhof einfassen.

Durch die Ehe seiner Tochter Maria Maximiliana gelangte das Gut 1651 in den Besitz des überaus kunstsinnigen Reichsgrafen Johann Friedrich von Herberstein. Dieser liess das Schloss nach Plänen des bereits zuvor hier tätigen, aber ansonsten gänzlich unbekannt gebliebenen italienischen Baumeisters Lorenzo Niceli und des nachfolgenden Jacopo Carove aus der Werkstatt des vorwiegend in Böhmen tätigen Architekten Carlo Lurago von 1653 an zu einer frühbarocken Residenz umbauen. Dazu wurde dem renaissancezeitlichen Bau nach Süden eine Gebäudeachse vorgebaut, die den 1657 mit zwei oktogonalen Geschossen und welscher Haube erhöhten Schlossturm seitlich einfassen. Die flankierenden Gebäudeteile schliessen mit einer großzügigen hofseitigen Loggia ab. Die Lauben selbst – jeweils drei sind mit einem niedrigen Schweifgiebel zusammengefasst – sind nach oben hin offen. Sie ermöglichten auch den Zugang auf die Terrassen der Seitenflügel, die auf 1783 datierten Ansicht des Zeichners Friedrich Bernhard Werner deutlich wiedergegeben sind. Über dem stattlichen Gebäude, das ebenso wie die Hofflügel mit einem Rusticaquader imitierenden Sgraffitoputz überzogen ist, erhebt sich das von bemerkenswert reich dekorierten Schweifgiebeln eingefasste Satteldach, das über den Traufseiten von jeweils vier Zwerchhäusern aufgelockert wird. Unter dem breiten Dachvorsprung wölbt sich ein umlaufendes Lünettengesims, wie es auch bei dem architektonisch in mancher Hinsicht verwandten Schloss Leitomischl (Litomysl/Tschechische Republik) oder am Palais Schwarzenberg auf dem Prager Hradschin zu finden ist. Die Wandfelder und die Wölbungen des Gesimses sind in einer Chiaroscuro-Malerei mit Wappenschilden, Grotesken und Trophäen bemalt.

Im Innenhof mit Springbrunnen in manieristischer Reliefdekoration entstand mit einer zweiarmigen Treppenanlage und dem rustizierten Portal mit gesprengtem Giebel und dem Doppelwappen Herberstein/Annenberg ein würdiger Zugang zur frühbarock stuckierten Eingangshalle seitlich des Treppenturms. Von hier gelangte man in das oberste Geschoss des Hauptgebäudes, das Piano nobile mit lang gestrecktem Festsaal, den eine die gesamte Gebäudebreite überspannende bemalte Holzbalkendecke abschloss. Nach Süden folgte ein kleinerer Saal, der später die Bibliothek der Familie Herberstein aufnahm, und ein höher gelegenes Kabinett, einst vielleicht ein „Studiolo“, mit farbig schablonierter Holzdecke und Architekturmalerei an den Wänden. Hier schloss sich ein Wandelgang an, der die drei Flügel des Innenhofes mit dem Hauptgebäude verband. Im mittleren Geschoss befanden sich die mit bemalten Holzbalkendecken ausgestatteten Wohnräume, in der Nordwestecke des Hauptgebäudes auch die St. Georgskapelle, die 1653 erweitert und dabei reich mit frühbarocken Stuckaturen ausgestattet wurde. Im Erdgeschoss wurde zur nördlichen Gartenseite eine „Sala terrena“ angelegt, deren Spiegelgewölbe ebenfalls stuckiert und deren gerahmte Bildfelder – schon im 19. Jahrhundert weiss übertüncht – mit allegorischen Motiven und Gartenlandschaften bemalt waren.

Im Nordflügel entstand über den netzgewölbten Stallungen der über breite Treppen zugängliche „Tiefe Saal“, ein galerieartiger Raum mit reich bemalten Holzbalkendecken und einem grossen offenen Kamin, während sich in den übrigen Räumen des Gevierts Gäste- und Dienerzimmer sowie die zum Teil mit bemerkenswerten bemalten Holzbalkendecken ausgestatteten Wirtschafts- und Vorratsräume befanden.

In zwei weiteren Bauphasen wurde das Schloss, das unter Johann Friedrich von Herberstein mit den nahe gelegenen Besitzungen Ratschenhof und Moschenhof sowie den Gütern von Alt Lomnitz (stara Łomnica) und weiteren Dörfern und klienen Dominien 1669 zu einem Majorat zusammengefasst worden war, nochmals erweitert. Bis 1672 wurde ein südlich anschliessender Seitenflügel, wiederum mit Sgraffitodekorationen verziert, mit einem nach Süden abschliessenden Wohnflügel und einer westlichen Abschlussmauer zum vierseitigen Ökonomiehof erweitert, im Norden ein Vorhof mit dem von einer St. Georg-Statue gekrönten Zufahrtsportal angelegt.

1737 erfolgte schliesslich eine Umgestaltung im Inneren des Hauptgebäudes, wobei der grosse Festsaal im dritten Obergeschoss – als „Ahnensaal“ mit Porträts der Herberstein-Familie ausgestattet – eine prachtvolle Stuckdecke mit mythologischen Reliefdarstellungen erhielt. Zu dieser Zeit wurden in nahezu allen Räumen die bemalten Holzbalkendecken mit untergehängten barocken Stuckdecken verkleidet und die Wände mit zum Teil mit üppigen Wandmalereien dekoriert. Der Wandelgang des obersten Geschosses erhielt als Wandverkleidung eine hölzerne Verbretterung, die ebenfalls illusionistisch bemalt wurde. Möglicherweise wurde der Baukörper des Hauptgebäudes neu verputzt und mit Lisenen rhythmisiert, wie es die erwähnte Vogelschau von Werner zeigt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte der Hof unter Graf Johann Hieronymus von Herberstein nochmals eine kulturelle Blütezeit. Im Nordflügel wurde ein vom „Tiefen Saal“ und einen zweiarmigen Treppenaufgang aus zugängliches kleines Hoftheater eingerichtet, dessen Vorstellungen, zunächst unter Leitung des Glatzer Schauspielers Karl Seydelmann, in acht Monaten des Jahres mehrmals pro Woche Zuschauer aus nah und fern anzog. Gespielt wurden Stücke von Sheakspeare, Goethe, Schiller und Lessing sowie Opern von Mozart, Haydn und Dittersdorf, seit 1843 unterer Leitung des Dramaturgen und Dichters Karl von Holtei. Nach dem Tod des Grafen stellte man den Theaterbetrieb ein – erst 1922 wurden unter Leitung des Bad Landecker Theaters wieder aufgenommen und von 1930 bis zu Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durch das Habelschwerdter Haus weitergeführt.

Das Schloss, das längst nicht mehr fester Wohnsitz der Familie war, wurde 1900 bis 1903 noch einmal restauriert, wobei auch die Sgraffitodekorationen der Fassaden wiederhergestellt wurden. 1930 gaben die Herberstein den Besitz auf, wobei sie einen Teil des Mobiliars, die Bibliothek und die gesamte Kunstsammlung – darunter mehrere Gemälde des Willmann - Schülers Johann Eybelwieser und zahlreiche Veduten der Herbersteinschen Besitzungen, die im „Tiefen Sall“ hingen – auf ihren Hauptwohnsitz Schloss Eggenberg in der Steiermark brachten.

Danach übernahm die Stadt Habelschwerdt die Schlossanlage, kam jedoch kaum noch für den baulichen Unterhalt auf, so dass das Anwesen zunehmend verwahrloste. Nach 1945 wurde das Schloss, das den Krieg zumindest unversehrt überstanden hatte, geplündert und verwüstet. Während danach einige Teile des Schlosses und der Wirtschaftsflügel von polnischen Repatriierten bewohnt wurden, konnte der Schlossbau dank der Massnahmen der polnischen Denkmalpflege 1961-63 und weiteren Sicherungsmassnahmen 1976/77 zunächst konserviert werden. Leider verschlechterte sich danach der Zustand des weitgehend leer stehenden Gebäudes rapide. Schon in den 1980er Jahren waren das Schlosstheater im Nordflügel und die reich stuckierte Kapelle in erbärmlichen Zustand, der südliche Ökonomiehof - Flügel mit schönen Dekorationsmalereien im Obergeschoss völlige Ruine.

Nach 1990 verkaufte die Stadt Habelschwerdt das beschädigte Schloss an einen österreichischen Investor, der die begonnenen Sicherungsarbeiten jedoch bald wieder abbrach, wodurch Teile des Daches ohne dauerhafte Bedeckung blieben. Inzwischen sind im Innern zahlreiche Repräsentationsräume ebenso wie die beiden Treppenhäuser eingestürzt, so dass der Grosse Festsaal inzwischen nicht mehr erreichbar ist. Auch dass Innere der umgebenden Wirtschaftsgebäude, die zum Teil mit barockem Deckenstuck – und den frühbarocken bemalten Holzbalkendecken darunter – ausgestattet waren, ist zumeist eingestürzt. Ohne unverzügliche Sicherungsarbeiten wird es kaum noch möglich sein, den Totalverlust der wertvollen Innenausstattung und des gesamten Bauwerks abzuwenden.

 

PARK

 

Die Grafenorter Gärten zeichneten sich nicht nur als eine der frühesten barocken Anlagen in der Grafschaft Glatz und in Schlesien aus. Verglichen mit anderen Gartenanlagen der Grafschaft hoben sie sich auch durch ihren Reichtum an baulicher Ausstattung und die Vielzahl unterschiedlich gestalteter Gartenbereiche ab. Mehr als in Eckersdorf (Bożków), Kunzendorf (Trzebieszowice) oder Wölfersdorf (Wilkanów) schien hier ein barockes Programm Gestalt geworden zu sein, in dem der Garten eine wichtige Rolle als Ort des höfischen Vergnügens und der Repräsentation übernahm.

Graf Johann Friedrich von Herberstein liess seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Grafenort im Zusammenhang mit umfangreichen Umbauten am Schloss unter Leitung italienischer Baumeister einen frühbarocken Garten anlegen. Die früheste graphische Darstellung der Anlage von Friedrich Bernhard Werner aus dem Jahr 1738 zeigt einen reich ausgestatteten Garten, der sich an italienischen, österreichischen und mährischen Vorbildern orientierte.

Im Gegensatz zu den meist separat vom Schloss liegenden Renaissance - Gärten übernahm im Grafenorter Schloss die „Sala terrena“ als Gartensaal die Funktion einer unmittelbaren Verbindung von Gebäude und Garten – eine Lösung, die aus Italien bekannt war, nördlich den Alpen aber nur an wenigen Beispielen wie beim Waldstein-Palais in Prag realisiert worden war. Von diesem Saal des an einer Hangkante gelegenen Schlosses gelangte man über eine breite Freitreppe hinunter in den Garten, der durch Heckenwände in unterschiedliche Bereiche gegliedert und mit zahlreichen kleinen Bauwerken ausgestattet war. Einen auffälligen Akzent bildete ein Rundpavillon, der durch seine aus dem Zentrum des Gartens gerückte Lage das Motiv der Eremitage verkörperte. Möglicherweise war er anstelle eines hölzernen Vorgängerbaus aus der Zeit der Familie von Annenberg entstanden. Dieses noch heute vorhandene außergewöhnliche Gebäude wurde 1635 durch Lorenzo Niceli nach einem in Schönbrunn bei Wien angefertigten Entwurf erbaut. Mit reichen Stuckdekorationen und Wandbrunnen mit Tuffstein-Imitationen variiert der Bau im Inneren das Motiv der Grotte aus italienischen Renaissance-Gärten. Das Figurenprogramm umfasst neben der Darstellung von Satyrn, Tritonen und Nereiden die Taten des Herkules in verschiedenen Szenen. Der Justiziar J.J.Dittrich, Mitglied der „Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur“ beschrieb ihn – dem Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts entsprechend etwas abfällig – in seinen „Bemerkungen auf einer Reise durch die Grafschaft Glatz“ im Jahr 1816: Am Herrenhause, der Terrasse entlang, war in Reihen und Sträußern viel Blumenwerk versammelt, und südwärts im Exil die verkümmerte Orangerie. Unten auf der Wiese hat sich eine Grotte mit kostbaren Schnörkeln und Laubwerk überladen, die, würfe sie den Unrath ab, ein artig Lusthaus zu Tage fördern würde.

Die andere Gartenhälfte jenseits der Mittelachse schmückte ein Parterre mit Broderien und einem prachtvollen Brunnen. Zwischen diesem und dem Schloss stand ein mit einer Zwiebelhaube überkuppeltes „Lusthaus“, das vermutlich als Garten-Speisesaal diente. Im nordöstlichen Bereich der Anlage befand sich jenseits des Parterres der „Sommergarten“ mit einer kleinen Orangerie, einem Schiessstand und dem nach einer nixenartigen Nymphe benannten „Melusinen-Teich“, der einen ikonographischen Zusammenhang mit den mythologischen Meerwesen des Pavillons vermuten lässt. Oberhalb des Ziergartens grenzte südlich an den Schlosskomplex ein ausgedehnter Baumgarten mit Fasanen- und Vogelhaus an. Auch das Gelände ausserhalb der Gartenmauern war in der Gestaltung einbezogen worden. Hier lagen noch weitere, vorwiegend zu Wirtschaftszwecken genutzte Flächen. Noch im 17. Jahrhundert liess Graf Herberstein an der Grenze zu Alt Lomnitz einen später zur Fasanerie umfunktionierten Tiergarten anlegen und durch eine Linden-Allee mit Schloss Grafenort verbinden.

Nach 1775 erfolgte die grundlegende Umgestaltung des Grafenorter Gartens zum Landschaftspark, an der wohl zumindest zu Beginn der Kunzendorfer Obergärtner Carl Handtmann beteiligt war. Anstelle des regelmäßigen Gartenparterres mit Wegeachsen und Hecken bildete jetzt eine Wiese mit malerisch verteilten Baumgruppen den Vordergrund des Schlosses: Der Park selbst verspricht unendlich schöner zu werden. Die pedantisch-steifen Alleen lässt man verwachsen und nutzt sie als Baumgruppen oder Waldstücke... alles mit Einsicht und Geschmack, so dass dereinst Grafenort dem hesperischen Kunzendorf den Rang streitig zu machen vorbereitet wird, berichtet ein Zeitgenosse 1816. Ein Grossteil der Parkarchitektur verschwand. Am Ufer des aus dem früheren Melusinen-Bassin geformten Teiches entstand um 1800 ein später als Badehaus genutzter klassizistischer Gartentempel. Dieser bestand aus einem beheizbaren ovalen Mittelraum, der sich mit zwei grossen Schiebetüren zum See hin und in den Park öffnete, und zwei kleinen Seitenkabinetten.

Fortgeführt wurde die Gestaltung des Landschaftsgartens unter dem theater- und gartenbegeisterten Grafen Johann Hieronymus Herberstein von 1810 an. Als ambitionierter „dilettierender“ Gartenkünstler schuf er nicht nur einen Landschaftspark auf seinem Grazer Besitzt Schloss Eggendorf, sondern leitete auch in Grafenort die Arbeiten nach eigenen Vorstellungen. Diese neuen Anlagen umfassten nicht nur die Fläche des ehemaligen Barockgartens, sondern wurden nach Süden ober- und unterhalb der Hangkante bis zum Moschenhof erweitert. Der Park wurde von Wegen durchzogen, die mit vielen verschiedenartigen Bäumen bepflanzt waren und von denen aus sich zahlreiche Ausblicke zu den Kirchtürmen der Nachbardörfer und markanten Bergen wie dem Hutstein, der Fritschenkuppe und dem Schneeberg boten wie auch Sichtbezüge zur Grafenorter Kirche und dem Schlossturm. Südlich des Schlosses befand sich oberhalb des Parks ein grosser Gewächshauskomplex, zu dem ein Ananashaus, zwei Kartäuser und ein Feigenhaus gehörten.

Im 19. Jahrhundert war Grafenort mit dem nun öffentlich zugänglichen Park ein beliebtes Ausflugsziel. Nach dem Tod des Grafen Johann Hieronymus von Herberstein 1847 wurde die Anlage jedoch mehr und mehr vernachlässigt, da das Schloss nicht mehr bewohnt war. (…)

 

Der Dichter Karl von Holtei (1798 – 1880) und das Schlosstheater in Grafenort

 

Was soll ich Ihnen von Grafenort sagen? Mein Schicksal knüpft sich an dieses Thal; von hier aus ging mein Weg, in regelloses irres Leben.

Holtei an Karl Seydelmann, 1839

 

Karl von Holtei wird heute in der Literaturgeschichte meist nur noch als schlesischer Mundartdichter des Biedermeier erwähnt. Im 19. Jahrhundert gehörte er jedoch zu den populärsten deutschen Dichtern, dessen umfangreiches Werk Liederspiele, Erzählungen, über fünfzig Dramen und zahlreiche Romane umfasst. Zeitgenossen betonten Holteis Vielseitigkeit als Dichter, Redakteur, Schauspieler, Liedersänger, künstlerischer Vorleser, Meister im plaudernden Gespräch und im Briefwechsel... er war ein wilder fahrender Geselle und ein fleissiger Bücherschreiber; er verlor sich in leichtsinniges, törichtes Treiben, und gab sich kindlich weich dem stillen Leben der Natur hin und lauschte den ernsten Geheimnissen der menschlichen Seele.

Leben und Schaffen Holteis sind eng mit Schlesien und der Grafschaft Glatz verbunden. Er wurde 1798 in Breslau geboren, wo er zunächst Jura studierte, sich dann aber dem Theaterleben widmete. 1816 debütierte er auf Vermittlung des Berliner Hofschauspielers Karl Seydelmann am Schlosstheater des Grafen Johann Hieronymus von Herberstein in Grafenort (Gorzanów). Dort lernte er auch seine erste Frau, die Schauspielerin Luise Rogee kennen, mit der er sich nach einer kurzen Zeit als Theaterdichter in Breslau auf Wanderschaft von Theater zu Theater begab – nach Prag, Wien, Hamburg und Berlin. Holtei selbst wirkte dabei als Schauspieler, Dichter und Dramaturg. 1825, vier Jahre nach der Hochzeit, starb Luise, worauf Holtei die beiden gemeinsamen Kinder in Grafenort in Obhut gab. Tragischerweise erlag sein Sohn Heinrich wenig später im Alter von knapp sechzehn Jahren einen Nervenfieber und wurde auf dem Grafenorter Kirchhof bestattet.

Holtei führte das unstete Wanderleben bald fort – an der Seite seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Julie Holzbecher. Zwei Jahre lang leitete Holtei auch das Theater in Riga. Den Erfolg, der ihm als Schauspieler meist vorenthalten blieb, bescherte ihm schliesslich sein Talent im meisterhaften Vortrag von Klassikern und eigenen Werken. Nach Anstellungen als Vorleser bei Fürst Metternich in Wien und bei Fürst Hatzfeld im schlesischen Trachenberg (Żmigród) nahm er 1850 seinen festen Wohnsitz in Graz, um dort eine Vielzahl von Romanen sowie seine mehrbändige Autobiographie zu schreiben. 1865 kehrte er in seinen Geburtsort Breslau zurück. Im Alter von 82 Jahren starb er dort im Kloster der Barmherzigen Brüder.

Ein Teil der Werke Holteis entstand während wiederholter Aufenthalte in Grafenort oder bezieht sich auf den Ort. Dazu gehört der erste Teil seiner bekannten „Schlesischen Gedichte“, die „Grafenorter Jagdlieder“, seine „Briefe aus und nach Grafenort“ und zahlreiche Passagen seiner Autobiographie „Vierzig Jahre“. Grosse Bedeutung hatte in diesem Zusammenhang Holteis enge, aber nicht unkomplizierte Beziehung zu Graf Hieronymus von Herberstein, den er seit den 1820er-Jahren als Gesellschafter in Paris und auf Schloss Eggenberg in Graz begleitete. Herberstein, laut Holtei der „Theatromanie“ verfallen, gab grosse Summen für sein eigenes Thetaer in einem eigens dafür ausgestatteten Saal des Grafenorter Schlosses aus. Er beschäftigte hier neben einem Orchester auch ein festes, aus zehn bis zwölf Schauspielern bestehendes Ensemble, das durch Laienschauspieler aus der örtlichen Bevölkerung ergänzt wurde. Höhepunkt jeder Saison war eine glanzvolle Aufführung nach der Herbstjagd, zu der nahezu der gesamte Adel der Grafschaft und einige hohe preussische und österreichische Offiziere geladen waren. Herberstein übertrug 1843 die Theaterleitung an Holtei, der auch in Mittelsteine (Ścinawka Średnia) beim Freiherrn von Lüttwitz und bereits wiederholt am Grafenorter Theater gespielt hatte. Holtei engagierte neue Schauspieler und liess unter anderem auch eigene Stücke aufführen, in denen er selbst auftrat. Als Reaktion auf innere Intrigen brach er jedoch seine Arbeit im Jahre 1844 mitten in einer laufenden Vorstellung ab und verliess Grafenort, wohin er nur noch einmal nach dem Tod des Grafen zurückkehrte. Das Theater blieb seit 1847 geschlossen. Erst 1922 wurde es wieder eröffnet und unter der Leitung des Bad Landecker, später des Habelschwerdter Theaters bespielt.

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